Lilli Geyer
sie/ihr
BA
IL
Mein Prozess besteht aus einer tiefen Auseinandersetzung mit der Geschichte. Zunächst habe ich das Buch mehrmals gelesen und mir Notizen gemacht zu Bildern, die vor meinem inneren Auge entstehen. Es gibt Motive und Szenerien, bei denen ich mir direkt sicher bin, die ich klar vor Augen habe und die danach verlangen, genauso umgesetzt zu werden. Mit denen starte ich auch, um einen Einstieg ins Projekt zu finden. Bei anderen Motiven bin ich länger auf der Suche. Male Bilder, verwerfe sie, suche andere Wege. Mir hilft es, aus dem Machen heraus weitere Ideen zu entwickeln. Dann wird aus einem simplen Einfall manchmal ein tiefergehendes Konzept. Gerne hänge ich die Bilder auch an eine Wand, um sie im Gesamten zu sehen. Oft sehe ich dann Verbindungen der Bilder untereinander, die zuerst unbeabsichtigt waren und die ich dann vertiefen kann. Für mich ist es wichtig, mich beim Malen in die Stimmung zu versetzen, Emotionen nachzufühlen, zum Beispiel durch Musik, um dann konzentriert und ungestört in den Prozess eintauchen zu können. Am liebsten arbeite ich dabei nachts, weil ich mich dann ohne Ablenkung von den Abläufen des Tages dem Schaffen hingeben kann. Hin und wieder hilft mir auch ein Blick von außen in Form von Feedback, um den Wald vor lauter Bäumen zu sehen. Allerdings muss ich mir auch immer wieder aktiv erlauben, erstmal anzufangen. Nicht jedes Bild muss direkt ein Hit sein, aber jedes Bild kann ein Anfang sein.
Mathilda
Buchillustration zum Roman "Mathilda" von Mary Shelley
In meinem Projekt illustriere ich den Roman „Mathilda“ von der Schriftstellerin Mary Shelley, die vor allem durch ihr Werk „Frankenstein“ bekannt ist. Shelley schrieb das Buch bereits 1819, zu einer Veröffentlichung kam es allerdings erst 140 Jahre später, da sich Shelley tabuisierten Themen widmete: die inzestuöse Liebe eines Vaters zu seiner Tochter, Todessehnsucht, Wahnsinn, Schuld und Isolation. Die Geschichte erzählt vom einsamen Aufwachsen der Protagonistin Mathilda, und der Wiederbegegnung mit ihrem Vater, der ihr schließlich seine inzestuöse Liebe beichtet. Nach dem Geständnis begeht der Vater Suizid, was Mathilda in eine tiefe Depression und Isolation stürzt. Die Projektidee kam vom Verlag Büchergilde Gutenberg, mit dem das Buch auch veröffentlicht wird. Die jeweiligen Kapitelillustrationen habe ich in meiner Lieblingstechnik gestaltet: der Ölmalerei. Ich möchte für diesen historischen Roman aus der schwarzen Romantik eine zugängliche Bildsprache entwickeln, die sich nicht unbedingt einer klassischen Ästhetik der damaligen Zeit bedient, sondern durch das Schaffen von Atmosphäre und Emotionen etwas Zeitloses bekommt. Szenerien, die man nachempfinden kann, um Mathildas psychischem Zustand Ausdruck zu verleihen. Ich fand es sehr spannend, der Literatur einer so beeindruckenden Schriftstellerin wie Mary Shelley durch meine Bildsprache eine weitere Ebene hinzuzufügen, und hoffe, dass sich Betrachter:innen durch die Illustrationen in die Protagonistin einfühlen können.
Begleitet durch Prof. Felix Scheinberger und Diplom in der Bild. Kunst Meike Staats