Nele Kemper
sie/ihr
BA
PD
mit Design in Bereiche gehen, die uns selbstverständlich erscheinen und als fertig gedacht hinnehmen. Also eher Beobachtungen aus dem Alltag anstatt die Last der Welt auf meinen Schultern zu tragen. den Menschen verstehen und Normen hinterfragen. So auch mit dem Stuhl. Was macht die Höhe von 45 cm menschenzentriert? Warum entstand überhaupt ein Stuhl? Und sollten menschenzentrierte Möbel nicht im Sinne von Gesundheit und Bewusstsein gestaltet werden und nicht im Sinne von Gemütlichkeit und Effizienz? Ich schaue oft auf traditionelle Handwerkskunst zurück. Einerseits als Gegenpol zur digitalen Reizüberflutung – alles irgendwie unsichtbar, automatisiert, schnell. Andererseits liebe ich kleinteilige, friemelige Arbeit. Dieses verlorenen Wissen ist extrem wertvoll und auch charmant. Ich versuche die Poesie der Dinge zu finden und diese mit Funktion zu verbinden. Oft aus dem Kopf raus und mit den Händen denken. So lerne ich nicht nur wissenschaftlich, sondern auch praktisch neue Techniken. Bei mir kommen oft zwei Seiten aufeinander. Gestalte ich ein Produkt so, dass dem Menschen alles perfekt kommuniziert wurde und alles unbewusst passiert? Oder soll der Mensch sich bewusst Fragen stellen, Erfahrungen sammeln und etwas lernen? „Kann Gestaltung etwas hinzufügen, obwohl die offensichtliche Lösung eigentlich schon da ist?“ Nicht neu erfinden, sondern Vorhandenes neu sichtbar machen. Es ist ein schmaler Grat Menschen dazu zu bringen, einen Umweg zu gehen, ohne dass es nervig wird.
auf dem Boden sein
Neuinterpretation von herkömmlichen Möbeln
In meinem Projekt hinterfrage ich das statische Sitzen. Die westliche Sitzhöhe von 45 cm gilt als menschenzentriert und dient als Ausgangspunkt, um Stühle immer bequemer und ergonomischer zu gestalten, damit wir länger sitzen können. Doch genau das ist das Problem: Der Mensch ist nicht dafür gemacht, stundenlang in derselben Haltung zu verharren. Je mehr uns Möbel abnehmen, desto mehr verlernen unsere Muskeln. Deshalb habe ich mir das Bodensitzen in anderen Kulturen und die gesundheitlichen Vorteile angesehen. Inspiriert hat mich vor allem die Beobachtung, dass ich selbst gerne auf dem Boden sitze und viele Menschen sich instinktiv vor das Sofa setzen statt darauf. Unabhängig von Tradition wollte ich verstehen, warum wir den Boden oft unbewusst dem Sitzmöbel vorziehen. Der Boden ist die größte Fläche im Raum. Er gibt keine Vorentscheidungen vor, kein begrenztes Sitzpolster, keine feste Anordnung. Man kann sich nehmen, was man braucht, und muss nur wieder lernen, auf den eigenen Körper zu hören. Wird eine Position unbequem, ist das nicht negativ aufzufassen, sondern ein natürliches Signal, sich in eine neue Position zu bewegen. Der Boden bietet dafür die größte Freiheit. Mein Produkt richtet sich an den privaten Raum, an Momente, in denen wir frei von gesellschaftlichen Erwartungen entscheiden können, wie wir sitzen möchten. Es soll den Boden aus einem neuen Blickwinkel zeigen und dazu anregen, natürliche Haltungswechsel wieder zur Gewohnheit werden zu lassen.
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Begleitet durch Prof. Steffen Schulz und Sven Henkel B.A.